Dienstag, 24. September 2013

Erfolge und Trophäen: Die Notwendigkeit des virtuellen Pimmelfechtens


Zugegeben, bei einem Preis von ca. 50-70 Euro für ein Videospiel ist die Befürchtung berechtigt, man würde für sein kostbares Geld zu kurz kommen. Aus damaliger Sicht ist diese Thematik berechtigter als heute. Wenn man z.B. Dragon’s Lair auswendig kennt, beträgt die Spieldauer hier knappe 10 Minuten, was die Kids in den Spielhallen trotzdem nicht davon abgehalten hat, ihr Taschengeld in den Automaten zu werfen. Ok, das mag jetzt ein extremes Beispiel sein, aber viele Sidescroller aus 8- oder 16-Bit Zeiten hatte man als geübter Spieler bereits in 2-3 Stunden durch. Zwar wurde hier und da der Schwierigkeitsgrad angezogen, was aber eher in Frust resultierte, anstatt in die erwartete Langzeitmotivation, obwohl es im Prinzip funktioniert hat. Um ein weiteres Extrembeispiel zu nennen: Ich spiele Battletoads für das Super Nintendo jetzt gefühlte 10 Jahre und habe es immer noch nicht durch. Da bekommt man noch was für’s Geld, auch wenn ich bis heute vermute, dass Battletoads einer der Gründe ist, warum mir die Haare ausgefallen sind.

Im Laufe der Zeit etablierte sich jedoch eine andere Methode, den Konsumenten selbst nach dem Durchspielen eines Titels noch an den Bildschirm zu fesseln. Man begann zu sammeln. Seien es jetzt die Sterne in Mario 64, die Lumps in Rayman, Puzzleteile und anderes Gedöns in Banjo und Kazooie oder (ein weiteres Extrembeispiel) die 151 Pokémon, von denen es heute fast 500 gibt. Der Spieler sollte bei den Eiern gepackt und dazu motiviert werden den Spieleinhalt bis auf das Letzte auszukosten, auch wenn dies zum Durchspielen in keinster Form relevant war. Für mich hat dieses Konzept jedoch selten funktioniert, da der zeitliche Aufwand im Verhältnis zu anderen Spielen, die man ebenfalls noch zocken wollte, viel zu hoch war. Dabei saß ich ja schon während meiner Schulzeit den größten Teil des Lebens vor dem Bildschirm. Jedoch war mir damals nicht klar, dass dieses Konzept mit der aktuellen Konsolengeneration noch einmal auf ein höheres Level gehoben werden sollte.

Mit dem Erscheinen der X-Box 360 und dem dazugehörigen X-Box Live Portal wurden „Achievements”, oder zu Deutsch „Erfolge“ eingeführt. Das bedeutet, dass man während des Spielens für vorgegebene Aufgaben Punkte bekommt. Das geht von dem Beenden eines Levels in einer bestimmten Schwierigkeitsstufe, bis hin zum Töten von 10 Gegnern mit einer bestimmten Waffe. Je nach Schwierigkeit der Aufgabe bekommt man zwischen 5 und 50, beim Beenden eines Spiels auch gerne mal 100 Punkte. Aus der Summe dieser Punkte ergibt sich der Gamerscore, der für jeden ersichtlich im X-Box Live Profil angezeigt wird. Während ich diesen Artikel hier schreibe beträgt mein Gamerscore 26.227 Punkte, die ich während den letzten drei Jahren erspielt habe. Bevor hier jetzt jedoch Meinungen in Form von „Boah, dieser Typ hat echt kein Leben!“ aufkommen, lasst Euch gesagt sein: Mein Score ist im Vergleich zur weltweiten Konkurrenz vergleichsweise echt niedrig. Das höchste was ich bisher gesehen habe, war ein Punktestand von ca. 65.000 Punkten und der Typ hatte so ziemlich jedes Spiel bis auf das Letzte ausgereizt und genau hier beginnt mein Unverständnis, bezogen auf die Spieleindustrie.

Einige Aufgaben in den meisten Spielen sind so aufwendig, dass ich mich ernsthaft Frage, wer auf die Idee kommt sich diesen zu stellen. Gears Of War ist z.B. ein Spiel, welches ich vergöttere und für mich zu einem der besten Spiele aller Zeiten zählt. Aber wer kommt bitteschön auf die Idee in Ranglistenspielen pro Waffe 100 Kills hinzulegen. Das Problem, was sich hieraus ergibt habe ich bereits in meinem Artikel „Von der Leine auf die Couch“ angeschnitten. Um dies zu verdeutlichen, stellen wir uns einfach folgendes Szenario vor: Wir spielen eine Runde Team-Deathmatch mit jeweils vier Spielern pro Team, wobei in der aktuellen Runde lediglich noch ein Spieler pro Team am Leben ist. Ich habe mich in solchen Situationen immer gefragt, warum mein Teamkollege in solchen Konstellation immer zu einer bestimmten Waffe wechselt, die in der Situation jedoch vollkommen fehl am Platz ist. Entweder jagen sie sich mit dem Granatwerfer selbst in die Luft, da der Gegner zu nah ist oder verfehlen jeden Schuss mit der Sniperrifle und müssen sich am Ende noch aus der Deckung lösen, um Munition zu holen. Sämtliche Multiplayer-Spiele werden vom Egoismus der Teilnehmer bestimmt, was mich zu der Frage bringt, ob dieses Verhalten noch mit Spielen und Vergnügen gleichzusetzen ist.

Nachdem ich nun ein Beispiel angeführt habe, indem das Erreichen eines Erfolgs die Spielweise des Spielers beeinflusst, möchte ich noch auf den Zeitaufwand einiger Erfolge eingehen. Bleiben wir doch einfach bei Gears Of War. Ein weiterer Erfolg dreht sich darum, in Ranglistenspielen 10.000 Kills zu erreichen. Obwohl ich bei dieser Anzahl noch an dem Verstand der Entwickler gezweifelt habe, wurde dies in Gears Of War 2 noch getoppt. Da die Community mit 10.000 Kills absolut keine Probleme hatte, wurde die Anzahl im Nachfolger auf 100.000 erhöht, Kampagne eingeschlossen. Ich für meinen Teil habe viel im Multiplayer gespielt und auch die Kampagne mehrfach beendet und bin aktuell bei ca. 8800 Kills angekommen. Trotzdem wird dieser Erfolg von Spielern weltweit erreicht, indem sich eines kleinen Tricks bedient wird. Während der Kampagne gibt es eine Szene, in welcher es einen Brumack, ein riesiges mit Waffen ausgestattetes Ungetüm, zu steuern gilt. Gerade in diesem Abschnitt werden unzählige von Gegnern über den Jordan befördert. Also wird dieser Level immer wieder und wieder vollendet, bis die Anzahl der Kills erreicht ist. Selbst bei dieser Menge an Gegnern muss es Stunden, wenn nicht Tage dauern, bis der Erfolg erreicht ist. Um ein weiteres Beispiel fernab von Gears Of War zu nennen, wäre Lost Planet ein geeigneter Kandidat. Hier ist mal wieder das Sammeln von Münzen angesagt, die sich über das ganze Spiel in den Levels verstecken. Hier wird das Sammeln aller Münzen des Spiels der ersten beiden Schwierigkeitsgrade mit jeweils schlappen 5 Punkten belohnt. Im dritten Schwierigkeitsgrad sind es immerhin 10 und im Letzten 20. Ich müsste also das Spiel vier Mal beenden um 40 Punkte zu bekommen.

Ich glaube wir sind uns einig, wenn ich behaupte, dass das Erreichen vieler Erfolge nichts mehr mit Entdeckungsdrang, der Leidenschaft zum Sammeln oder dem Hang zum Perfektionismus zu tun hat, sondern einfach nur Schwerstarbeit darstellt. Die Motivation erschließt sich mir leider nicht. Höchstens ist hiermit die Möglichkeit geboten, sich gegenüber der Community durch einen möglichst hohen Gamerscore zu profilieren. Aber da ist auch schon der Knackpunkt: Warum besteht dieses Verlangen? Spielen wir nicht miteinander, teilen unser Hobby mit Gleichgesinnten, oder sind wir doch alle nur Konkurrenten auf dem Weg zur spielerischen Perfektion? Klar ist, dass sich im World-Wide-Web die Lager aufteilen und jeder selbst entscheiden muss, ob der persönliche Ehrgeiz den Spaß am Spielen schon verdrängt hat.

Der kritische Leser sollte mich an dieser Stelle mit Skepsis beäugen. „Jaja, Herr Schauder…meckern kann jeder. Wie wäre denn ihr Vorschlag, die von Ihnen genannte Pimmelfechterei zu entkräften?“ Zum Glück muss ich mir zu dieser Thematik keine Lösung einfallen lassen, da es sie bereits gibt. Neben den Erfolgen der X-Box 360 und den Trophäen der Playstation 3 verzichtet Nintendo’s Wii komplett auf derartigen Content. Obwohl ich die Konsole vor einem Jahr noch als technisch behindertes Kinderspielzeug tituliert habe, muss ich sagen, dass mich dessen Besitz seit Weihnachten 2010 doch sehr in meinen Ansichten geprägt hat. Ein Grund warum sich mein Blog im Moment eher sparsam mit Artikeln und Reviews füllt, liegt vor allem daran, dass ich Mario Galaxy 2-süchtig geworden bin. Dabei habe ich schon längst dafür gesorgt, dass Prinzessin Peach wieder unversehrt zuhause ist, kann es mir aber jedoch nicht nehmen lassen die Wii-Mote jeden Tag aufs Neue zu schwingen. Es gibt noch einige Galaxien zu erforschen, Kometmünzen zu sammeln und dutzendfach Powersterne zu sammeln. Warum ich das mache? Weil es einfach Spaß macht und mit jedem erreichbaren Stern eine neue, abwechslungsreiche und kreative Aufgabe geboten wird. Hierfür brauche ich keine Punkte, ich muss mich nicht verstellen und es ist in keinster Form schade, um die dafür benötigte Zeit. In diesem Sinne möchte ich einfach noch einmal daran erinnern, dass Videospiele ein Unterhaltungsmedium darstellen, welches uns Spaß und Spannung in fernen und kreativen Szenarien liefern sollen. Lasst Euch daher den Spaß auch in Zukunft bitte nicht verderben und nehmt das alles bitte nicht allzu ernst.

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