Dienstag, 24. September 2013

Von der Leine auf die Couch: Ein Aufruf zum Ablegen des anonymen "Miteinander"


Das Bild ist immer das gleiche: Ein modern eingerichtetes Wohnzimmer in hellen freundlichen Farben, welche aber nicht direkt von der im Bild zentrierten Couch ablenken sollen. Vor- oder auf der Couch tummeln sich vier bis sechs Menschen, meistens zwei davon als gerade aktive Spieler. Der Rest starrt gefesselt und emotional berührt in Richtung Kamera. Es ist hierbei nicht wichtig, ob es sich bei diesem Szenario um einen Wii- oder Kinect-Werbespot handelt, denn die Aussage ist eindeutig: Gemeinsam Spaß haben, gemeinsam mit fiebern, gemeinsam spielen. Nintendo hat erneut einen Trend gesetzt und es mit dem Release der Wii Ende 2006 geschafft das Videospiel gesellschaftstauglicher zu gestalten. Die Steuerung, sowie die Spiele sind ist einfach zu bedienen, selbsterklärend und die Kaufkraft der Casual-Gamer hat eine neue Dimension erreicht, welche sich höchstwahrscheinlich noch steigern lassen wird, wenn Microsoft und Sony ihre Konkurrenzprodukte veröffentlichen.

Doch wie war das gemeinsame (Video)Spielen vorher? Drehen wir einmal die Uhr um 20 Jahre zurück, landen wir in einer Zeit, in der das Internet noch nicht massentauglich war und Begriffe wie Multiplayer oder Coop nicht verwendet wurden. Hätte es irgendjemanden gestört, wenn „Super Mario Brothers“ keinen „2 Spieler“-Modus gehabt hätte? Wir haben trotzdem nach jedem verlorenen Leben und nach jedem beendeten Level den Controller an den Sitznachbar weiter gereicht, zusammen neue Geheimnisse entdeckt, Strategien für Endbosse entwickelt und uns gemeinsam geärgert, wenn ein Level nicht beendet werden konnte. Zahlreiche Nachmittage wurden vor der Flimmerkiste verbracht, mit Cheatcodes und Spieleberatern experimentiert und neue Welten erforscht.

Dann kam die Welle der Multiplayer-Spiele und mit ihr das Zeitalter der privaten Netzwerke. Von damaligen Schülern organisierte Lan-Parties fanden in Kellern oder Hinterzimmern von Restaurants oder anderen Einrichtungen statt. Man ließ Installations-CDs in der Runde umhergehen, konfigurierte IP-Adressen um die ganze Nacht hindurch diese (zumindest für mich) seltenen Events zu genießen. Zur Not besuchte man eins der zahlreichen Internet-Cafés. Die Blütezeit der First-Person-Shooter- und Real-Time-Strategy-Games zog sich durch die Jahre und auch zu dieser Epoche war allen Genrefans klar, dass es umso mehr Spaß machte, desto mehr Mitspieler anwesend waren.

Dann kam mit dem Internet die Möglichkeit von zuhause aus mit sämtlichen Spielern weltweit in Kontakt zu treten und eines der schönsten Hobbies der Menschheitsgeschichte zusammen zu erleben. Für mich begann mit diesem technischen Fortschritt leider nur mein persönlicher Frusts über das Mehrspielererlebnis der heutigen Zeit. Es reizt mich persönlich aus aktueller Sicht recht wenig, mich des Spielens wegen zu verbinden. Würde es einen Unterschied machen, wenn ich mit- oder gegen den Computer spielen würde? Was bleibt denn übrig? Meißens ist es ein in die Individualität gezwungener Gamertag, den ich (wenn ich Glück habe) vielleicht sogar aussprechen kann. Das Headset benutze ich auch nicht mehr, wozu auch. Ein pubertierender elfjähriger, der im Stimmbruch irgendein Gebrabbel von sich gibt, oder sogar noch anfängt zu singen, oder einen Amerikaner der mich als Nazi tituliert, möchte ich mir ersparen. Ich kenne diese Leute nicht und ich muss auch gestehen, dass ich ebenso wenig die Lust verspüre diese Spieler näher kennen zu lernen, als sie mich.

An der Stelle ist es letztendlich auch egal, ob es sich gerade um ein teambasiertes Spiel handelt. Das Team wird sowieso vernachlässigt, da nur aus der eigenen Motivation heraus gespielt wird. Man möchte seine EIGENEN Experience-Points erhöhen und seine EIGENEN Erfolge/Trophäen erreichen. Eine verlorene Runde des eigenen Teams ist hinzunehmen, wenn eigene Ziele verfolgt werden. Multiplayer bedeutet egoistisch sein und sich selbst zu feiern. Bei einem Sieg, werden die Mitspieler in die eigene Freude involviert, wobei eine Niederlage den frustrierten Ausstieg aus dem Spiel zur Folge hat. Dies geschieht natürlich während der Laufzeit des Spiels und zum Nachteil der Anderen. Das sollte aber trotzdem kein Grund sein den Gewinner auf kindischster Ebene zu beleidigen um die eigene, an der Stelle unbegründete Überlegenheit zu demonstrieren.

Ist es das was wir wirklich wollen? Lassen sich durch Online-Spiele wirklich wahre Freundschaften und neue Kontakte aufbauen? Das Konzept, automatisch mit Millionen von Spielern verbunden zu sein, von denen ich sicher sein kann, dass sie das gleiche Hobby mit mir teilen, hat seinen theoretischen Reiz, dennoch hapert es an der Ausführung und an dem Sozialverhalten der Teilnehmer. Das Benehmen hat in keinster Weise eine Konsequenz für den Spieler. Der Kompromiss wäre natürlich mit Freunden zu spielen, die man auch im normalen Leben kennt. Der Vorteil ist ganz klar ersichtlich, da die Ausführung viel komfortabler ist. Es muss kein PC durch die Gegend getragen und kein Netzwerk konfiguriert werden. Die Verbindung ist einfach aufgebaut und es wird eine gute Zeit erlebt? Das macht Sinn, macht Spaß, aber die Atmosphäre mit mehreren Leuten etwas zu Erleben bleibt auf der Strecke.

Der Casual-Gamer kennt dieses Problem nicht. Für ihn ist das Videospiel zum Gesellschaftsspiel geworden, zum Ersatz von Monopoly und „Mensch ärgere Dich nicht“. Die Reaktionen der Mitspieler fließen in den empfundenen Spaß hinein und werden zu einem unverzichtbaren Teil des Ganzen. Ich persönlich hoffe, dass unser virtuelles „Miteinander“ sich noch zum Guten wenden wird und darf mit vollem Stolz gestehen, dass ich jedes noch so grafisch Anspruchsvolle Multiplayer-Gefecht im Internet, ohne zu Zögern gegen den lokalen 4-Spieler Modus aus „Castle Crashers“ eintauschen würde.

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