Dienstag, 19. August 2014

Spielbare Ethik: Eine veraltete Kontroverse


Ein Mann, ein Projekt, eine Kontroverse! Luc Barnard, ein britischer Entwickler hat diese Vision von einem ganz besonderen Spiel mit dem Titel Imagination is the only escape. Du schlüpfst in die Rolle von Samuel, einem kleinen Jungen der leider miterleben muss, wie die Nazis am 16. Juli 1942 Frankreich besetzen. Das große Problem: Samuels Familie ist jüdisch. Als die Umstände eskalieren und reihenweise jüdische Mitbürger gefangen genommen werden, verhilft Samuels Mutter ihm zur Flucht, bevor sie selbst erschossen wird. Fortan ist es deine Aufgabe Samuel zu einem Priester zu geleiten, der ihn aus Frankreich schleusen kann. Das Konzept für dieses Spiel existiert seit 2008, bis heute ist es jedoch nicht erschienen. Es war ursprünglich für den Nintendo DS konzipiert, wurde jedoch von Nintendo of Americaabgeschmettert. Zwischenzeitlich sollte sich das Spiel per Croudfunding selbst finanzieren, verhungerte jedoch an 5.055 von insgesamt 125.000 notwendigen Dollar, eine Schande wenn man bedenkt, dass mehr als 55.000 Dollar für ein parodierendes Kartoffelsalat-Projekt gespendet wurden. Die Hoffnungen liegen nun auf Nintendo of Europe und einem Release für die Wii U, jedoch wird das Spiel bis dato immer noch aufgrund des heiklen Themas kritisiert.

Es ist verständlich, dass „Spielen“ mit „Spaß“ assoziiert wird und es befremdlich klingt, dass der Holocaust in einem Spiel thematisiert wird. Was an der Stelle falsch läuft ist die Betrachtungsweise, welche Komponenten eines Videospieles welche Emotionen in uns auslösen. Grundsätzlich muss strikt zwischen Gameplay und Story unterschieden werden. Es gibt immer noch Menschen, die Zeuge eines Egoshooters werden und die Schlussfolgerung ziehen, dass das Schießen auf Menschen Freude bereitet. Der Unterschied liegt in der Form des Konsums. Der aktive Spieler und der passive Zuschauer haben beim Betrachten eines Videospiels grundsätzlich andere Empfindungen. Der Spieler erlebt hierbei das Gameplay, die spielerische Herausforderung, der er sich stellen muss, die natürlich beim Bezwingen ein Glücksgefühl auslöst, losgelöst vom eigentlichen Setting und der Handlung. Der Zuschauer erlebt nur die Gewalt ohne die Schnittstelle des Gamesplays. Als nächstes muss man sich vom Gedanken lösen, dass Videospiele zwangsläufig Spaß machen müssen. Wir kennen dieses Phänomen bereits aus der Filmindustrie. Horror, Thriller oder Dramen lösen in uns Gefühle von Ekel, Angst oder Trauer aus, also keine Gefühle, die man im Alltag freiwillig anstrebt. Wir möchten durch diese Medien eine emotionale Erfahrung machen, Gefühle spüren, die wir geordneten Alltag nicht bekommen und dadurch aus dem Alltag herausbrechen. Videospiele können das auch, und gerade durch die Interaktion wird dieser Effekt verstärkt. In vergangenen Titeln wie Modern Warfare, Heavy Rain oder Spec-Ops: The Lineerlebten wir, wie wir uns beim Spielen unwohl fühlten, wie etwas von uns verlangt wird, was wir nicht tun möchten. Dieser Zustand steht im großen Kontrast zu unserem Befinden gegenüber Videospielen. Videospiele sind ein Medium, welches dem Spieler stets die Handlungen vorgibt. „Laufe von links nach rechts!“, „Besiege diesen Gegner im Kampf!“, „Erledige dieses Quest!“! Wir sind so konditioniert, dass wir unsere Aufgaben mit Fleiß und Sorgfalt erfüllen. Ich fand diesen Ansatz in Spielen schon immer interessant, weil er das gängige Verhältnis zwischen Regelwerk und Spieler in eine Ethikfrage verwandelt und einen Denkprozess anstößt. Zuletzt hat uns Valiant Hearts den ersten Weltkrieg beschrieben, uns mit den Figuren mitleiden lassen und sogar gleichzeitig historische Informationen aufgezeigt.

Spiele wie Imagination is the only escape zeigen auf was Videospiele bewirken und welchen Mehrwert sie für die Gesellschaft haben könnten, wenn man sie nicht bis heute missverstehen und unterschätzen würde. Ich hoffe jedenfalls, dass dieses Spiel doch noch erscheint, und dass weitere Titel folgen, die ein Bewusstsein für die Vergangenheit und andere gesellschaftliche Probleme mit sich bringen.

Anmerkung: Als Ergänzung kann ich euch den ZDF Heute-Beitrag "Videospiele: Unterwegs in der Kunstwelt" empfehlen. Link

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