Montag, 29. September 2014

The Vanishing Of Ethan Carter: Mord und Wandern


"Dieses Spiel ist eine narrative Erfahrung, das dich nicht an der Hand nimmt." prangt vor dem Spielbeginn in weißen Lettern, die eine Handschrift zumindest anmuten, auf dem Bildschirm, als wäre es eine drohende Vorwarnung auf das, was kommen wird. In Zeiten nerviger und übererklärender Tutorials könnte es jedoch auch ein Qualitätsmerkmal sein. Was immer es ist, schon nach wenigen Sekunden im Spiel merke ich, dass es absolut zutrifft. The Vanishing Of Ethan Carter ist das erste Spiel des polnischen Entwicklerteams The Astronauts, die sich aus den Gründungsmitgliedern von People Can Fly zusammensetzen. Herausgekommen ist ein stimmungsvolles Open-World-Mystery-Adventure aus der Ich-Perspektive, welches euch auf die Suche schickt, auf die Suche nach Ethan Carter.

Du schlüpfst in die Rolle von Paul Prospero, einem Detektiv für das Übernatürliche, der einen Brief von einem kleinen Jungen mit dem Namen Ethan erhält. Dem darin enthaltenen Hilferuf folgend, begibt sich Paul zu Ethans Heimatort Red Creek Valley, um dort nach dem Rechten zu sehen. Schon nach kurzer Zeit ist klar: Das ist bitter notwendig! Im Kontrast zu den dort folgenden Ereignissen,startet das Spiel mit einer gewissen Ruhe und Harmonie, welche auch fortlaufend beibehalten wird. Du kannst dich in dem riesigen Areal von Red Creek Valley frei bewegen, und auch wenn es letztendlich nur ein kleines Nest mit einer Handvoll Häuser und einer Kirche ist, spielt die Natur der Kulisse eine sehr große Rolle. Um alles zu erkunden und letztendlich die Aufgaben zu meistern muss Paul viele Kilometer zu Fuß zurücklegen, was dir jedoch genug Zeit und Möglichkeit gibt dich an der Präsentation zu erfreuen, was offensichtlich ein Teil des Konzepts ist. Was die Astronauten da noch aus der Unreal Engine 3 rausgekitzelt haben, ist wirklich beeindruckend und zählt zu den grafisch aufwendigsten Erlebnissen dieses Jahres.

Ich spreche hierbei von detaillierten Wäldern, Felsen, Klippen, Seen, Flüssen und Höhlen, die fast schon zum Anfassen einladen und denen lediglich eine kühle Brise fehlt, um die Illusion zu perfektionieren. Obwohl Paul während den langen Wanderschaften im Grunde vorerst nichts passiert, macht die Szenerie einfach Lust auf mehr, während das Erkunden und Beobachten automatisch von dir Besitz ergreift. Da kann es auch mal passieren, dass du auf einem Balkon oder einer Brücke stehenbleibst und fasziniert ins Tal blickst, um dort einen Moment zu verharren. Da Paul weit und breit die einzige Person ist, die zur Laufzeit des Spiels in den Genuss dieser Szenerie kommt, schwebt ein Hauch von mysteriöser Isolation in der Luft, die von einem sehr stimmigen, orchestralen Soundtrack getragen wird, der sich je nach Situation dynamisch ändert. Der wunderschönen Ästhetik zum Trotz kann Paul zum Glück rennen, und das unrealistisch schnell. Es ist jedoch klar ersichtlich, dass dieses Feature eventuelles Backtracking abzukürzen soll. Es darf immerhin nicht vergessen werden, dass Paul einen Job zu erledigen hat.

The Vanishing Of Ethan Carter bietet eine sehr minimalistische Steuerung. Abgesehen von der Bewegung inkl. Rennfunktion, gibt es einen leichten Zoom und eine Taste für Interaktionen mit der Umgebung. Die dafür bereitstehenden Objekte, werden mit Hilfe von Wörtern, die im Raum schweben, hervorgehoben. So kannst du in einem Rutsch diverse Dinge untersuchen, aufnehmen und benutzen, je nach Vorgabe. Hierbei gibt es kein HUD und kein Inventar. Selbst gefundene Briefe mit Informationen zum Verbleib von Ethan, können nicht mitgenommen und somit nicht mehrfach gelesen werden, begibt man sich nicht zu deren Standort zurück. Die Orte sprechen für sich, geben dir Informationen, erzählen dir mit verschiedenen Off-Stimmen die bisherige Handlung oder stellen dich vor Aufgaben, die es zu lösen gilt. In jedem Fall bleibt der Grundsatz: "Dieses Spiel nimmt dich nicht an der Hand!" bestehen. So gesehen starten die meisten Puzzles mit einem Mindfuck, triggern die Neugier und laden daraufhin zum Ausprobieren ein. Trotzdem kann es passieren, dass du dich gerade zu Beginn verloren fühlst, vor allem, weil die Puzzles einfach zurückgelassen werden können und kein Eindruck entsteht, dass es hier überhaupt etwas zu lösen gibt. Egal an welchem Punkt des Spiels du dich befindest, die Welt bleibt durchweg frei begehbar. Der Aufbau des Spiels ist demnach kein pures Abarbeiten von Problemlösungen nach festem Leitfaden, sondern bleibt ein konstantes, freies Erforschen. Aller Handlungsfreiheit zum Trotz verspreche ich dir, dass der Groschen letztendlich trotzdem fallen wird, wenn auch nicht unbedingt zur richtigen Zeit.

Ein Highlight unter den Arbeitsaufgaben ist das Lösen von Morden, dessen Ausgangspunkt stets eine Leiche ist, die kommentarlos in der Gegend gefunden wird. Anhand von am Fundort eingesammelten Indizien muss der Tatvorgang des Mordes bestimmt werden, um letztendlich neue Hinweise über den Verbleib von Ethan zu offenbaren. The Vanishing Of Ethan Carter kommt hierbei ohne vorgefertigte Cutscenes aus, sondern lässt dir stets die komplette Kontrolle über Paul, so dass du erklärende Handlungsstränge, die in der Umgebung ablaufen, wie ein Theaterstück beobachten kannst. Durch die Handlungsfreiheit erstellt der Spieler seine eigene Cineastik, welche beim Entdecken von leblosen Körpern in Kombination mit der stimmungsvollen Hintergrundmusik als Kontrastprogramm zur friedlichen Naturkulisse durchaus zu überzeugen vermag. Die Fälle sind hierbei stets abwechslungsreich, clever inszeniert und dabei vollkommen logisch, verbergen aber dennoch Überraschungen in Bezug auf die Verbindungen und Motive der beteiligten Personen. Mehr möchte ich jedoch nicht verraten!

The Vanishing Of Ethan Carter ist ein begehbares Kunstwerk und ein neuer Benchmark im fotorealistischen Abbilden von Naturszenarien. In einem Mix aus Entdeckungsdrang in einem Open-World-Adventure zwischen Mystery, einem Hauch von Horror und konfusen Situationen flechtet sich eine Story seine Bahnen, die letztendlich zwar gegen Ende nicht die originellste ist, aber während dem Weg zum Ziel durchaus fesselt. Darüber hinaus sind die Handlungsorte, sowie die Rätsel abwechslungsreich und kreativ und fügen sich authentisch in die Bewegungsfreiheit ein. Wer sich also gerne in wunderschön gestalteten Naturgefilden aufhält, ein Faible für mysteriöse Geschichten und Puzzles hat und zudem noch experimentierfreudig ist, der kann sich dieses Spiel mit gutem Gewissen auf die Festplatte schieben.

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