Sonntag, 14. September 2014

Wolfenstein New Order: Realistischer Trash


Zwischen Stilprägung, Kontroverse, Trash und Nostalgie bewegt sich die Marke Wolfenstein seit 1992 über die Bildschirme der Videospielbegeisterten. Nach zwei Neuauflagen entwickelten nun die Schweden von MachineGames eine weitere Neuinterpretation mit dem Titel Wolfenstein: New Order aus dem Stoff aus dem die historischen Alpträume sind. Ob das Spiel für einen inneren Reichsparteitag sorgen kann, lest ihr in den folgenden Zeilen.

Wir schreiben das Jahr 1946 und der Kampf zwischen Gut und Böse bzw. den Yankies gegen die Nazis ist in vollem Gange. B. J. Blazkowicz ist Teil eines kleinen Einsatztrupps, der ein morbides Geheimlabor infiltrieren möchte, um dem kranken General Totenkopf das Handwerk zu legen, als sie plötzlich selbst zu Gefangenen werden. Mit letzter Kraft gelingt ihnen während einer Explosion die Flucht, die nicht ohne Folgen bleibt. Blazkowicz fängt sich einen Metallsplitter im Kopf ein, der ihn in eine 14 jährige Schockstarre versetzt. Als er im Jahre 1960 zu sich kommt, ist der Krieg bereits entschieden, leider zu Gunsten des Nationalsozialismus. Sofort macht er sich auf den Weg den Widerstand zu reaktivieren und dem Regime endgültig den Garaus zu machen. Das Erzählen einer Geschichte hat diesmal eine größere Bedeutung. Die Missionen bauen stets auf dem Handlungsleitfaden auf, welcher dementsprechend mit Dialogen im Gameplay oder Cutscenes aufgefrischt wurde und dessen Inszenierung einen strammen Blockbusteranstrich bekommen hat. Das ist nicht nur hübsch anzusehen, sondern lockert das recht statische Spielprinzip an den richtigen Stellen auf. Markant ist dabei die Absicht eine emotionale Tiefe in das Zusammenspiel der Charaktäre einzubauen. Machen wir uns nichts vor: Wolfenstein lag stets einer tragischen historischen Begebenheit zugrunde, war jedoch im Kern schon immer Trash. Von Nazis in großen Mechs, über Zombieritter oder Cyborgs bietet das Franchise nicht gerade ein sinnvolles Ensemble innerhalb der Gestaltung. Und obwohl Wolfenstein: New Order sich in diesem Sinne treu bleibt, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gerade die Cineastik unerwartet gut gelungen ist und die Charaktäre überraschend tief ausgebaut wurden. Zwischen den Missionen gibt es einige ruhige Momente im Hauptquartier der Widerstandsbewegung, in denen du die Möglichkeit bekommst, dich mit den Figuren zu unterhalten. Für die eigentliche Story haben diese Unterhaltungen selten einen Mehrwert, geben der angespannten Situation jedoch eine gewisse Ernsthaftigkeit, die zum Glück nicht durch den Grundgedanken des Spiels ausgehebelt wird. Ein wichtiger Beitrag zur Grundstimmung ist ebenfalls die Darstellung der Nazis, welche zwischen kaltblütiger, militärischer Präzision und dem Drang zum erheiterndem Sadismus, ein morbides Bild der Unterdrückung liefern. Im Ganzen entsteht dadurch ein solider Mix aus überzeugendem Film und actionorientiertem Spiel, der durchaus zu fesseln weiß.

Das Gameplay hält sich witziger weise an keine aktuellen und etablierten Shooterkonventionen und geht mit jeweils einem Wert für Gesundheit und Rüstung back to the roots, d.h. es müssen wieder Medikits und Rüstungsgegenstände, sowie Waffen und Munition per Tastendruck aufgesammelt werden. Wer sich also einst beschwerte, dass das Auto-Healing aktueller Shooter zu unrealistisch sei, der bekommt hier den direkten Vergleich. Ob es sich hierbei um ein absichtliches Stilmittel oder nostalgischen Irrsinn handelt, vermag jeder für sich selbst zu beurteilen. Für meinen Teil kann ich sagen, dass es bereits nach kurzer Zeit ziemlich an den Nerven sägte. Aufgrund der realistischen Grafik sind einzusammelnde Gegenstände auch seltener als solche zu erkennen, und so ertappte ich mich nach kurzer Zeit, dass ich pauschal die Aufnahmetaste hämmerte, während ich mich über die Überbleibsel meiner Gegner bewegte. Abgesehen von Waffen, die ausgetauscht werden können, werden Items schon lange nicht mehr selektiv eingesammelt, in der Hektik des Kampfes schon gar nicht. Aber auch Ersteres ist nicht der Fall. Die über die letzten 20 Jahre etablierten Waffentypen, die auch in New Order vorhanden sind, können alle gleichzeitig getragen werden, wenn auch während den Gefechten nur zwischen zwei Wummen gewechselt werden kann. Diese zwei Waffen können zum Glück zu jeder Zeit umkonfiguriert und - sofern sie doppelt im Inventar vorhanden sind - sogar an jeweils einer Hand getragen werden, um die Pulverisierung der Kontrahenten zu optimieren. Den Effekt erreicht man bequem über das D-Pad, ebenso wie einen alternativen Feuermodus. Besonderen Fokus bekommt ein Schweißbrenner, der sich seinen selbstgezeichneten Weg durch diverse Gitterzäune und Metallplatten des Spiels bahnt. Dieser lädt sich selbstständig auf, was jedoch mit Hilfe von Dutzenden im Level verstreuten Aufladestationen beschleunigt werden kann. Ebenso können Upgrades für dieses Gerät in den Missionen gefunden werden. Für ballistische Gefechte ist also reichlich gesorgt. Wer den Konflikt vermeiden möchte, was sich in einigen Passagen des Spiels anbietet, der bewegt sich möglichst unauffällig zwischen den Wachen hindurch oder erdolcht diese im Stillen von Hinten. Natürlich wirst du hin und wieder vor verschlossenen Türen oder anderen Hindernissen stehen, welche mit Schaltern und anderen Mechanismen in Gang gesetzt werden müssen. Die Levelarchitektur ist dementsprechend nicht immer schlauchig, sondern bietet hin und wieder kleinere Areale, die immerhin ein wenig die Illusion von Freiheit und Größe vermitteln. In Punkto Settings und Fortbewegung bietet das Spiel einiges an Abwechslung, auch wenn das Grundprinzip stets gleich bleibt. Die Variation der Gegner reicht von Wachen mit unterschiedlicher Panzerung, bis über Mechs und Roboterhunde und bieten somit über das Spiel hindurch einen bunten Blumenstrauß an Kanonenfutter. Die Fähigkeiten von Blazkowics können zudem mit einer Art Achievement-System verbessert werden. Vollbringt man vordefinierte Herausforderungen im Laufe des Gameplays, erhälst du neue Features oder Boni.

Was will Wolfenstein: New Order nun eigentlich sein? Offensichtlich ein Stück erwachsender mit dem Wunsch sich selbst treu zu bleiben. Oberflächlich ist diese Grätsche schon auf dem Papier total unrealistisch, aber MachineGames hat es sichtlich hinbekommen ein veraltetes "Hau drauf!"-Trashkonzept mit einer durchaus ansprechenden Inszenierung zu kreuzen. Gleichzeitig erinnert uns New Order daran, was Egoshooter einst waren und spielt mit bereits klassischen Stilistiken, die man als sympathisch oder obsolet betrachten kann. Tragisch ist immer noch die Zensur der nationalsozialistischen Symbole, die durch den damit verbunden Respekt einfach eine größere Wirkung auf das Gesamtgeschehen haben. Letztendlich ist jedoch jedem klar, wen "Das Regime" verkörpern soll. Wolfenstein: New Order bleibt jedoch im Herzen ein stumpfer Actionshooter, fern ab von Realismus und Anspruch, was bei der Kaufentscheidung oberste Priorität haben sollte. Jedoch wird dieses Konzept durch eine gelungene Präsentation bereichert, die man trotzdem an einigen Stellen mit einem Augenzwinkern betrachten sollte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen



Sämtlicher Inhalt, sämtliche Spieltitel, Handelsnamen beziehungsweise Aufmachungen, Warenzeichen, Illustrationen und damit verbundene Bilder sind Warenzeichen beziehungsweise urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Besitzer.