Montag, 20. Oktober 2014

PC-Gaming: Weniger spielen, mehr angeben


Die "PC-Herrenrasse"! Was sollte einem Menschen beim Ausspruch einer solchen Bezeichnung als erstes in den Sinn kommen, wenn nicht pures Entsetzen über die offensichtlich gewählte Referenz zum Nationalsozialismus. Bezeichnet man die parallel existierenden Videospielplattformen als "Rassen", so ist die Herrenrasse natürlich allen anderen Rassen überlegen. Nicht nur das: Die übrigen Rassen bzw. Konsolen symbolisieren wie einst die Juden einen Störfaktor, der diese Überlegenheit zu untermauern versucht. Jetzt sind natürlich nicht alle Gamer, die diesen Terminus einnehmen potentielle Nazis, aber die leichtfertige Verwendung dieser Begrifflichkeit symbolisiert eine hohle Engstirnigkeit im Konsum des gewählten Unterhaltungsmediums und der dazugehörigen, eigenen Identifizierung, also einem Klotz aus zusammengeschraubten Hardwarekomponenten, verstaut unter dem Schreibtisch. Der PC, das einstige Werkzeug für Textverarbeitung und Tabellenkalkulationen innerhalb der eigenen vier Wänden, etablierte sich erst inmitten der 90er Jahre mit dem Einzug des Internet vollständig in den privaten Haushalten. Diese Entwicklung ist jedoch bereits überholt und neigt sich dem Ende zu. Mit der Einführung von Smartphones und Tablets als Bedienungselement der Onlineaktivitäten, erledigt ein platz- und stromsparendes, portables Notebook in Kombination mit externen Bildschirm- und Eingabegeräten den Rest. Für praktische Zwecke wird sich in den nächsten Jahren niemand mehr einen Tower ins Haus holen. Ich prophezeie, dass PCs in der Zukunft privater Haushalte hauptsächlich für Videospiele verwendet werden, denn für alles andere sind die leistungsstarken Hardwarekomponenten absolut nicht ökonomisch. Das hat einen entscheidenden Nachteil, nämlich die Verbreitung des Mediums. Casual Games finden heute ihre breite Zielgruppe, weil die Bevölkerung die dafür notwendige Hardware bereits in der Hosentasche spazieren trägt und dahingehend keine grundlegende Investition notwendig ist. Mit dem PC verhielt es sich in den 90ern ähnlich, denn ein Kind entscheidet sich nicht bewusst für einen Computer als Spielplattform, sondern verwendet die Hardware, die Mama und Papa bereits im Wohnzimmer aufgestellt haben. Somit trägt die Anschaffung eines solchen Hardwarehybriden eine große Hürde auf den Schultern, nämlich die Notwendigkeit von Fachwissen betreffend der Komponenten, Preisaufstellung, die individuell zu befriedigenden Anforderungen und nicht zu vergessen das notwendige Kleingeld auf dem Konto. Diejenigen, welche diese Hürde meistern sind zurecht stolz auf sich, stolz auf ihren geschulten Überblick und stolz auf die Selbstbestimmung. Der PC-Gamer lässt sich von keinem Marketingfuzzi seine Hardware vorschreiben! Er ist dem Standard einen Schritt voraus, nein er definiert den Standard selbst!

Sehen wir jedoch der Wahrheit ins Auge: Der PC entwickelt sich zu einem Nischenprodukt für Competitive-Gaming, natürlich nicht aufgrund der Vorteile die er bietet, sondern weil es auch in Zukunft mehr Casual- als Core- oder Pro-Gamer geben wird. Innerhalb des großen Marktes hat er bereits verloren, einzig und allein aus dem Grund, weil "der PC" kein marktwirtschaftliches Produkt ist. Er kann alles und nichts, je nachdem welche Komponenten in ihm verbaut sind. Er ist ein Stück Open-Source-Hardware, fernab von Kundenanalysen und Kostenrechnungen, die auf eine kalkulierte Nachfrage abgestimmt ist. Es existiert lediglich ein Angebotsdschungel aus den Bauteilen verschiedenster Hersteller, von Grafikkarten, Arbeitsspeicher, Prozessoren bis hin zur optimierten Peripherie für die Eingabe. Das Angebot ist breit, die Möglichkeiten groß, aber letztendlich ist ein PC nur so gut, wie das Geld, welches dafür zur Verfügung steht. Eines ist er jedoch in keinem Fall: Ökonomisch! Warum sollten sich Spielentwickler die Zielgruppe schmälern, indem teure, leistungsstarke Hardware zum Spielen benötigt wird, bzw. was nützt die beste Hardware, wenn sie nicht ausgereizt wird? Entsprechende Exklusivtitel werden immer seltener und Spiele, wie World Of Warcraft oder League Of Legends, die auf Konsolen nicht funktionieren, bieten keine High-End-Grafik. Diese Zeiten sind vorbei! Ich erinnere mich genau an die noch heute existierenden Eilmeldungen über minimale- und empfohlene Hardwarevoraussetzungen eines Spiels, die entweder in einem zufriedenen "Yes, I can!" oder in hängenden Köpfen resultierte. Dann wird eben für eine neue, leistungsstärkere Komponente gespart oder man wendet die Zeit auf, um seine Einstellungen in Texturqualität, dynamischem Licht, Sichtweite und Kantenglättung derart abzustimmen, dass Einbußen in der Darstellung zwar akzeptiert werden müssen, das Spiel aber dennoch spielbar ist. Dieses Problem haben wir heute nicht mehr. Die Zeiträume in denen PCs aufgerüstet werden müssen, werden immer länger. Damit verschwindet nun ein Argument, welches einst gegen den Erwerb eines PCs sprach, da diese Entwicklung aber einzig und allein aus der stagnierenden Hardware der Konsolen stammt und sich die Industrie hauptsächlich an diesen orientiert, beißt sich die Katze diesbezüglich selbst in den Schwanz. Der letzte Strohhalm ist die Modderszene. Fans legitimieren anderen Fans ihr stromfressendes Prestigeobjekt innerhalb eines Wettstreits, welches Spiel wo und wie am besten aussieht. Auch hier ist eine Hürde zu nehmen: Foren durchforsten, Infogruppen folgen, Mods finden, -selektieren, -installieren, -konfigurieren, -testen, -patchen, ein nicht unwichtiger Faktor, der jedoch scheinbar zur Begeisterung beiträgt und irgendwie zum Hobby dazugehört. Für Konsolenspieler ist es unnötige Arbeit. Zum Vergleich: Wann immer in den sozialen Netzwerken über Auflösung und Bildrate gesprochen wird, fällt der Satz "Der PC kann das schon!" ein gültiges Argument, nach dem jedoch kein Hahn kräht. Konsolen bedeuten Bequemlichkeit, Faulheit und die Gewissheit, dass jedem Besitzer von Gerät und Spiel das gleiche Erlebnis geboten wird.

Wenn es also nicht mehr die Grafik ist, was ist es dann? Weitere Vorteile bietet ganz klar die Peripherie. Der PC war von Beginn an ein System, welches filigrane und komplexe Eingabegeräte unterstützt. Eine Maus sorgt für natürliche, präzise Umsetzungen von Handbewegungen, während die Tastatur eine Vielzahl von Befehlen und Tastenkombinationen ermöglicht. Die ersten geschichtsbezogenen Adventures wurden mit aus mehreren Wörtern bestehenden Anweisungen gesteuert. Gleiches galt für die ersten Strategie- und God-Games bzw. Handels- und Flugsimulationen. Mit einem 2-Button Gamepad wäre man nicht weit gekommen. Die Art der Eingabe definiert heute das Spielerlebnis mit. "Daddeln" kann man das nicht nennen, es wäre eine Beleidigung für die filigrane Komplexität, die zum Abbild der eigenen Leistungen innerhalb der Steuerung wird. Die Möglichkeiten, um Störfaktoren auszumerzen, scheinen endlos. Wenn eine Maus die gewünschte Geschwindigkeit besitzt, kann darüber diskutiert werden, wie hinderlich ein Kabel sein kann, was zur Diskussion über die Latenz von kabellosen Geräten führt, was jedoch alles nichts bringt, wenn der Widerstand der Mauspadoberfläche zu groß ist. Ein praktischer Nutzen reicht zur Beschaffung jener Eingabegeräte nicht aus, ebenso wichtig ist die Optik. Ein edles, schwarzes Design, künstlerisch geschwungene Kurven, ergonomische Anordnung der zahlreichen Tasten, gepaart mit LEDs in Neonfarben, erübrigen die Behauptung Maus ist gleich Maus. Die Selbstdarstellung von PC-Gamern findet innen und außen statt, wenn das nötige Kleingeld dafür verwendet wird, um aus einem Gebrauchsgegenstand einen Blickfang zu machen, ähnlich wie bei einem Sportwagen.

So kostenintensiv die Hardware ist, desto preiswerter sind die Spiele. Da Lizenzen der Konsolenhersteller wegfallen, werden für ein neues PC-Spiel ca. 20 Euro weniger bezahlt. Hinzu kommt die Verbreitung gängiger und günstiger Downloadportale wie Steam, Origin, UPlay, Desura oder GOG. Der PC-Spielemarkt gleicht einem Wühltisch mit ganztägiger Happy-Hour, wo PC-Gamer mehr kaufen als sie überhaupt spielen können, was erneut Stoff zur Selbstdarstellung liefert. Was sagt das über einen Konsumenten aus, wenn aus einer Bibliothek mit 200 Spielen, lediglich die Hälfte überhaupt mal gestartet und ein Viertel davon intensiv gespielt wurde? Man könnte ungenutzte Spiele ja verkaufen, wenn die Accountbindung nicht wäre, was mittlerweile als unerheblich empfunden wird, da aufgrund von Dumpingpreisen kein Gefühl mehr dafür vorhanden ist, Geld in den Sand gesetzt zu haben. Als Microsoft mit dem Release der X-Box One selbiges versuchte, rebellierten die Käufer, was in einer Umstellung seitens Microsoft und Sony mündete. So können Konsolenspieler auch heute noch ihre Spiele tauschen, verkaufen und verleihen. PC-Spieler haben diese Rebellion versäumt und tragen die Konsequenzen, indem sie als "praktisch" bezeichnet werden. "Praktisch" ist es jedoch nicht, wenn für ein Spiel mehrere Registrierungen auf unterschiedlichen Portalen notwendig sind oder diese aufgrund falscher Treiber oder anderen Problemen gar nicht erst starten. Man sollte trotzdem die Vorteile erkennen: Vielleicht fördern diese Downloadportale ja auch das Sammeln von PC-Spielen, denn diesbezüglich ist er ohnehin nicht zu gebrauchen. Ein SNES-Spiel wird auch heute noch auf der entsprechenden Konsole laufen, während einem PC-Spiel aus derselben Zeit allein das Diskettenlaufwerk fehlt, wenn es nicht gerade unter Kompatibilitätsproblemen in Punkto Hardware und Betriebssystem leidet. Praktisch ist, wenn genau diese alten Spiele nun mit Emulatoren oder anderen Hilfsmitteln erneut für wenig Geld angeboten werden können. Trotzdem erschließt sich dem PC ein hervorragender Indie-Bereich, gerade weil einfache Verbreitungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Nun bilde ich mir ein, in den bereits gelesenen Absätzen beschrieben zu haben, was PC-Gaming definiert, worin die Vorzüge liegen und welcher Antrieb mit dem Kauf eines solchen Gerätes zusammenhängt. Vom eigentlichen Spielen war bisher jedoch nicht die Rede. Das ist die Frage, die ich leider selbst nicht beantworten kann, die mich jedoch seit Jahren beschäftigt und die mir im letzten Absatz etwas Kritik entlockt. Wie empfinden PC-Gamer denn Videospiele? Es hat den Anschein als würde auf das "Drumherum" mehr Wert gelegt, als auf die eigentliche Verwendung. Das erinnert mich an ein Ü40 Ehepaar, die euphorisch hunderte von Euro in eine Nordic-Walking-Ausrüstung investieren, um dann einmal in der Woche in voller Montur für 10 Minuten durch den nächstgelegenen Park stöckeln, um zu zeigen wie sehr sie am Zeitgeist teilnehmen. Es ist als würde man sich zum Lesen von Büchern einen edlen Lederhandschuh mit bunten Lichtern und Gumminoppen an der Kuppe des Zeigefingers kaufen, um das beste Umblättern auf dem Markt zu ermöglichen. Das Buch wäre doch aber dasselbe. PC-Spieler fallen im Internet weitestgehend dadurch auf, dass sie jedem erzählen müssen, wie toll ihre PCs sind, während alle anderen einfach Videospiele spielen. Dabei ist das Ausgeben von Geld keine Leistung, meine Damen und Herren. Materieller Besitz und Prestigeobjekte sind unnütz, wenn die Begeisterung bereits mit Weniger ausgelebt werden kann. Ich gönne PC-Spielern ihr Spielerlebnis, ebenso bewundere auch deren Begeisterung fürs Basteln, sei es in Form von Hardware oder in Form von Mods. Ich muss dennoch gestehen, dass ich dafür einfach zu faul bin. PC-Spieler machen es mir nicht leicht eine allgemeine Rechtfertigung für diese Plattform zu finden, da sie sich nur noch durch ihren PC definieren, mir keinerlei Begeisterung für das Medium vermitteln und somit mehr Streit als Austausch verursachen. Ich habe den Kauf meiner Konsolen bewusst gewählt und besitze ebenso einen PC, der zwar laut wie ein Staubsauger ist, aber trotzdem so ziemlich alles auf höchsten Detailgraden schafft. Ich bin also nicht neidisch, dennoch aber fokussiert auf das Wesentliche. Mir wäre es lieber, wenn dieser Konsolenfaschismus abgelegt und lieber (jetzt wird's kitschig) die Gemeinsamkeiten anstatt die Unterschiede gesucht werden würden.

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