Samstag, 31. Oktober 2015

Halo 5 Guardians: Der Saga würdig?


Der Einfluss, den die Halo Reihe auf die Videospielindustrie hatte, ist bis heute spürbar. Halo hat Ego-Shooter an der Konsole etabliert und mit Spielmechaniken wie dem Kolbenschlag oder der Selbstheilung eine ganze Generation von Spielen beeinflusst. Jedoch konnte das Franchise um den mysteriösen Ringplaneten ebenfalls ein komplexes Universum mit Planeten, Völkern, historischen Zusammenhängen und Religionen erschaffen, welches die Spielgemeinde während der letzten Jahrzehnte immer aufs Neue fesseln konnte, und dass obwohl Bungie schon immer miserabel darin war diese Geschichten während des Spiels zu vermitteln. Nach vier Spielen, einigen Spin-Offs und unzähligen Büchern, Comics und Webserien liegt nun seit dem 27.10. der neuste Ableger zum Abholen bereit, diesmal sogar exklusiv für die neue Konsolengeneration. Ein Grund zum Jubel, möchte man meinen…

Das Ende des vierten Teils ließ mich mit Tränen in den Augen zurück. Das abgelaufene Haltbarkeitsdatum von Cortana, der KI, die den Master Chief seit der ersten Stunde begleitete, war nicht nur das tragische Thema des ganzen Spiels, es mündete auch in einen Abschied, einen Schweren. Der fünfte Teil Halo 5: Guardians setzt direkt an diese Geschehnisse an. Erstmals wird die Geschichte in zwei Teile gespalten. Auf der einen Seite haben wir den besagten Spartan 117, der sich mit seinem (er inklusive) vierköpfigen Team Blau von der UNSC getrennt hat, um einem…sagen wir mal Phantom nachzujagen. In der anderen Hälfte des Handlungsstranges verfolgen wir Spartan Locke, der ebenfalls mit drei weiteren Helmchen als Team Osiris unseren geliebten Chief zurückholen soll. Auch wenn es mir schwer fällt meine Befindlichkeit ohne weitere Details der Story zu erklären, möchte ich es dabei belassen.

Man merkt schnell, dass Halo 5 als Coop-Multiplayer-Spiel konzipiert wurde, dem bis zu vier Spieler Online beiwohnen können. Da die KI der Kameraden im Singleplayer-Mode richtig RICHTIG dämlich ist, könnt ihr als Chief sowohl als Locke Befehle verteilen. Ihr könnt angeben wo sie hinlaufen, wen sie angreifen oder heilen sollen, sowie die Besetzung der altbekannten Fahrzeuge des Franchise bestimmen. Das gibt dem Spiel zumindest einen Funken von Strategie, sofern während des Spielens nur ein menschliches Gehirn am Start ist. Ich bin mir sicher, dass sich der Reiz des Spiels im Coop-Mode entfaltet, da auch der Schwierigkeitsgrad gegen Ende durch immer wiederkehrende Gegnerhorden massiv zunimmt. Der Rest bleibt beim altbekannten Rezept aus zwei tragbaren Waffen, jeder Menge Schläge und Granaten. Das hat damals funktioniert und funktioniert auch heute noch in bester Manier. Die Prometheaner, die im Vorgänger als neue Spezies eingeführt wurden, sind auch wieder von der Partie, so dass die Auswahl aus menschlich-heimischen und außerirdisch-abstrakten Schießprügeln und Fahrzeugen ein solides Arsenal bildet.

Nun ist Halo dafür bekannt, dass Altbewährtes beibehalten wird. Ein Ego-Shooter ist heute keine kreative Meisterleistung mehr, dennoch spielt hier das Fanboytum eine große Rolle. Wenn eine Reihe derart viele Jahre auf dem Buckel hat, sollte man das Gefühl bekommen „nach Hause“ zurück zu kehren. Es ist eine Mischung aus Gameplay, Story und Design, die in ihrem Mix einen Wiedererkennungswert erzeugen sollten, der authentisch wirkt, jedoch Neues versucht. Gameplay und Design kann man keine Vorwürfe machen, denn wie oben beschrieben kann man nichts falsch machen, wenn man sich an abgeschmeckte Rezepte hält. Auch die grafische Präsentation ist absolut gelungen. Halo sah nie schöner aus, egal ob Cutscenes vorgerendert sind oder in Echtzeit ablaufen. Auch die Präsentation in Kombination mit der Musik, die zwar kaum auf das originale Theme setzt, sondern Neuinterpretationen und Abwandlungen in ein 80er-Synthie-Gewand gepackt hat, sorgt für eine großartige Atmosphäre. Die Schwächen liegen ganz klar in der Story, dem Charakterdesign aber auch in dem Pacing des Spiels.

Halo 5: Guardians kündigte im Vorfeld ein sattes Überangebot an Charakteren an, was in der bisherigen Reihe immer zu kurz kam. In der Hauptreihe war der Master Chief stets alleine, was jedoch sein Steckenpferd war, denn er überlebte einst als einziger Spartan den Verlust der Menschenkolonie auf Reach. Der Umstand einen überlegenen Einzelgänger zu spielen war bisher immer das Thema des Franchise, welches sich auch im Gameplay wieder fand. In Halo 5 wird dieses Soldatenmonopol aufgebrochen, indem ihr auf insgesamt sieben weitere Spartans trefft. Das Problem ist, dass diese Figuren keine nennenswerte Rolle im Spielverlauf einnehmen und dabei den Master Chief in seiner Einzigartigkeit entwerten. Zur Erklärung: Die Figuren sind dem Halo-Universum nicht gänzlich unbekannt. Sie entstammen Geschichten, welche jedoch nicht durch die Spiele, sondern in dem Fall durch Comics, Bücher oder den Serien erzählt wurden. Für jeden Halo-Hardcore-Fan, der in allen Facetten des Franchise bewandert ist, wird hier wahrscheinlich ein Traum in Erfüllung gehen, indem unterschiedliche Inhalte aller Erzählformen in einem neuen Spiel vereint werden. Für mich, als jemand, der sich wenig bis gar nicht damit auseinandergesetzt hat, wirkt es hingegen wie ein zusammenwürfeln aus gesichtslosen Soldaten, die ein paar Aliens in den Arsch treten. Leider fühlt sich das Spiel genau so an und das Pacing zwischen zügig und hektisch trägt seinen Teil dazu bei.

Halo ist immer eine Art Mysterium gewesen. Es war nie der bloße Kampf zwischen Gut und Böse, sondern das Lesen zwischen den Zeilen und der Erkenntnis, dass es noch etwas Übergeordnetes gibt als das bloße „Fremde“ in Form der Allianz. Dazu zählen natürlich auch die Halo-Ringe als Waffe, die Flood und die Vorgeschichte der Blutsväter, die das ganze Universum zu etwas Mächtigem machten, was über das bloße Abballern von Gegnerwellen hinaus geht. Es wurde immer eine Geschichte erzählt, die komplexer war als vermutet und die letztendlich ein Universum formte. Dazu ist es auch notwendig, dass das Spiel ruhige Minuten bekommt, in denen der Spieler zum Beobachter wird, nicht alle Puzzleteile zusammenfügen kann und erst nach der notwendigen Erkenntnis seine Gedanken neu sortieren muss, um entsprechend zu handeln. Meist wurde die Komplexität der Handlung erst deutlich, wenn man sich mit Freunden abseits des Spielens über das Spiel unterhielt und alles Revue passieren ließ oder sich die Episode „Origins“ des Anime Halo: Legends ansah. Mit dem vierten Teil wurde eine neue Tür aufgestoßen und eine neue Spezies präsentiert. Und obwohl das Mysterium nicht vollkommen ausgeschöpft wurde, funktionierte das für mich, jedoch auch mit der Erwartung, dass dies zu einem neuen Gesamtkonzept zusammengefügt werden würde. Halo 5: Guardians versagt jedoch in dieser Disziplin.

Für mich ist Halo 5 die Videospielverfilmung von Halo. Man verwendet bekannte Gesichter und Elemente, die den Spieler zufriedenstellen sollten, öffnet eine Truhe, die eigentlich konsequent geschlossen bleiben sollte, um diese Elemente wiederrum in einen uninspirierten Plot zu verwursten, der letztendlich in eine ballerwütige Action-Odyssee verläuft, die den Besonderheiten der Serie einfach nicht gerecht wird. Die Inszenierung und die Action sind für sich selbst betrachtet top! Auch die unterschiedlichen Orte von fantasievollen Naturkulissen über Gebirge, technischen Einrichtungen und sogar Schneelandschaften erstaunen immer wieder aufgrund der Präsentation, fügen sich jedoch nicht zu einem authentischen Gesamtbild zusammen. Das Pacing von Halo 5 wirkt nicht natürlich. Es wirkt nicht wie ein Planet oder ein Ort, der neu und unbekannt ist und den es zu erkunden gilt, sondern wie klassische Videospielstrukturen aus getrennten Levelsystemen, die übrigens trotz der neuen Hardware-Power der X-Box One linearer sind, als jemals zuvor. Gerade die letzten 1-2 Stunden des Spiels setzen dem Videospielgedanken die Krone auf, indem immer mehr Gegnerwellen und noch mehr Gegnerwellen und noch mehr Gegnerwellen das erreichte Ende nur noch unnötig heraus zögern. Und wie gesagt, das fühlt sich nicht natürlich an, wie eine Welt auf der eine Spezies stationiert ist, in dessen Strukturen man eindringt, sondern es wirkt wie eine Schikane mit dem unrealistischen aber herausfordernden Pacing eines Multiplayer-Modus.

Halo 5: Guardians ist definitiv der schönste Titel der Reihe mit dem größten Gehalt an Action, jedoch in Bezug auf Story und Charakterdesign derart emotionslos, dass die bisherigen epischen Ausmaße auf der Strecke bleiben. Ich fühlte mich aufgrund des starken Gameplays und der Präsentation gut unterhalten, ging jedoch gelangweilt und frustriert in die Credits. Während mich Halo 4 noch überraschen konnte, überlege ich nun, ob die Halo-Reihe nicht einfach den Master Chief und Cortana begraben sollte. ODST und Reach haben gezeigt, dass das Universum breit genug ist, um interessante Geschichten zu erzählen. Dann aber bitte auch mit etwas mehr Atmosphäre und Herz.

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