Donnerstag, 22. Oktober 2015

The Beginner's Guide: Story allein macht nicht glücklich


Wer kann schon behaupten sich einmal selbst in einem Computerspiel gespielt zu haben? Natürlich, manche Charaktereditoren moderner Rollenspiele sind so ausgeprägt, dass wir uns optisch selbst nachbilden und unserer Spielfigur denselben Namen verpassen können, aber der Kontext und die Handlung von Videospielen hat nie etwas mit unserem persönlichen Leben zu tun. Wir spielen immer andere, schlüpfen in deren Situationen hinein und erfreuen uns am Identifikationspotential, welches Videospiele mittlerweile bieten. Umso ungewöhnlicher ist der Anfang des Spiels The Beginner’s Guide von The Stanley Parable-Macher Davey Wreden. Der spricht uns nämlich kurz nach dem Spielstart direkt an. Keine fiktive Person, kein Alter-Ego, sondern mich, dich, euch, wer auch immer gerade am PC sitzt und auf „Neues Spiel“ geklickt hat. Machs gut, du vierte Wand! Dich brauchen wir hier nicht!

Davey Wreden stellt sich vor: Wer er ist, was er macht und natürlich was in den nächsten 1-2 Stunden auf uns zukommen wird. Die Spielepresse hat es jedenfalls zu weiten Teilen vermieden, uns diese Information zukommen zu lassen. Die Reviews von The Beginner’s Guide verraten nicht viel, außer grenzenloser Begeisterung. Wenn der „New Games Journalism“ der „Reisebericht“ unter den Spielereviews darstellen soll, dann sind die Reviews zu The Beginner’s Guide die Postkarten unter den Reisebereichten der Spielereviews. Lese ich da doch eine Produktempfehlung raus, ihr kleinen Schlingel? Naja, ich weife ab. Jedenfalls erzählt uns Mr. Wreden von seinem Kumpel Coda, der selbst Videospiele entwickelt oder besser gesagt „bastelt“. Dieser Coda hat sich an irgendeinem Punkt seines Lebens die Source-Engine geschnappt und damit herumexperimentiert. Herausgekommen sind kleine, unveröffentlichte und unfertige Spielereien, die nicht länger im Verborgenen bleiben und einer breiten Masse präsentiert werden wollen. Und da wir Mr. Wreden nach seinem Erfolg mit The Stanley Parable ja ein gewisses Händchen für Gamedesign unterstellen, hören wir ihm einfach mal zu.

The Beginner’s Guide ist kein klassisches Videospiel, sondern eine Art Museum, in dem wir Codas Spiele nicht um des Spielens willen spielen, sondern um des Beobachtens willen. Die Spielkonzepte erleichtern dies, indem klassische spielerische Elemente gar nicht erst auftauchen. Eine Schusswaffe, die nach verballertem Magazin nicht nachgeladen werden kann, ist hierbei das höchste der Gefühle. Das Spiel setzt voraus, dass der Spieler keine Ahnung hat, was in diesen Spielen zu tun ist und - abseits der traditionellen 1st-Person-Bewegung - nicht intuitiv handeln kann. Er muss unwissend sein, experimentieren, die Umgebung betrachten und natürlich auf die Anweisungen von Mr. Wreden horchen, der uns nicht selten sogar eine Hilfestellung bieten muss, damit diese Spiele überhaupt erlebbar bleiben. Letztendlich geht es auch gar nicht um die Spiele selbst oder darum, dass sie abstrakt und verrückt sind, sondern es geht um Coda selbst. Warum sind seine Spiele so wie sie sind und welche Teile seiner Persönlichkeit spiegeln sich innerhalb seiner Spiele wieder? Während uns also Mr. Wreden diese digitalen Ergüsse von 2008 bis 2011 um die Ohren haut, vermittelt er uns zunächst Begeisterung, Leidenschaft, dann aber auch eine privat-persönliche Ebene des Entwicklers, die sich mutmaßlich im Gamedesign seiner Spiele wiederfinden lässt.

Mensch! Das ist ja ne geile Idee, werden sich jetzt viele denken. Ist es auch! Mit Verlaub kann Davey Wreden wie auch in The Stanley Parable damit punkten neue Methoden des Spielens von Videospielen erfunden zu haben, indem der eigentliche Zweck des Spielens derart abstrahiert und vom Spiel entfernt wird, um eine ganz andere Absicht zu verfolgen und damit sogar den Spieler direkt anzusprechen. Und dieser Aspekt ist auch nur die Spitze des Eisbergs von Thematik und Aussage, in die dieses Spiel letztendlich noch mündet. Da steckt ein Stück Autobiographie mit drin, Selbstreflektion, ein knackiger Twist, den ich so auch nicht erwartet habe und und und vieles, was gleichzeitig noch reininterpretiert werden kann. Wie gesagt also voll die geile Idee! Idee…ja, die Idee, das ist es halt, was bei mir nach dem Durchspielen hängen geblieben ist. Dass eben die Idee geil ist, aber nicht das Gesamtprodukt, nicht die Message, nicht die einzelnen Spiele. Eine gute Idee, eine alternative Herangehensweise, bzw. ein Aufbrechen altbewährter Strukturen reicht für mich leider nicht aus, um ein Spiel zu mögen.

Das Problem bei The Beginner’s Guide ist nicht, was das Spiel letztendlich von mir will, es ist das, was man tut. Und was man tut, ist durch unfertige, beschissene Minispiele zu laufen, die anders sind, um anders zu sein. Würde man nämlich diese Spiele für sich alleine stehen lassen und betrachten, wären sie Quatsch. Ohne die Kommentare von Mr. Wreden und seine großzügige Verwendung von Cheats wäre es oftmals nicht einmal möglich diese überhaupt zu „spielen“, zu beenden oder in ihrer Fülle zu erfassen. Deswegen hat der ganze Grundgedanke bei mir nicht gezündet, denn ich werde dazu gezwungen mich für Spiele zu interessieren, die absolute Fehlkonstruktionen sind. Ein paar Beispiele gefällig: In einem Spiel kann ich nur rückwärts laufen, in einem anderen Spiel muss ich wirre Dialoge mit Würfel-Kopf-Menschen absolvieren oder gleich repetitiv den Haushalt innerhalb einer Wohnung schmeißen, eine Treppe emporklimmen, dessen Ende ich - wohlbemerkt durch die Absicht des Entwicklers - nie erreichen werde oder ein Gaga-Rätsel aus wahllos erscheinenden Möbeln lösen. Ich bin mir sicher, dass ich eventuell zu dumm und/oder zu denkfaul bin diese Spiel-Hülsen mit genügend stichhaltigen Interpretationen zu füllen, um meinen Geist auf neue Ebenen der Wahrnehmung zu heben und eine Faszination zu empfinden, aber dies gelang mir nicht und ehrlich gesagt interessierte es mich auch nicht.

Nun möchte ich dennoch nicht mehr Arschloch sein, als nötig. Der Nachteil und gleichzeitig der Vorteil von Kunst ist, dass sie von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich wahrgenommen wird und es in diesem Sinne kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Deshalb präsentiere ich hiermit meinen eigenen „Reisebereicht“ ohne Gewähr und ohne Zweck der Entkräftung oder Gegendarstellung des Konfettisturms, den dieses Spiel aktuell erfährt. Denn auch wenn mir The Beginner’s Guide ca. 90 Minuten meines Lebens stahl, die ich - und jetzt mache ich mich endgültig unbeliebt - lieber in Transformers: Devastation investiert hätte und ich nicht in der Lage war mir ein neues Nervenkostüm freizuspielen, so ist das Konzept letztendlich doch interessant genug, um darüber zu schreiben und es zu zerhackstückeln, nachdem man ihm mit einem Baseballschläger den Schädel eingeschlagen und das Blut herausge…ok, ich schweife schon wieder ab. Was letztendlich für mich übrig bleibt, ist dennoch weiterhin die gute Idee, eine Idee, die vielleicht verfeinert werden könnte, die andere Entwickler inspiriert, die vielleicht in den Mainstream oder in vom Mainstream geförderte Indie-Projekte einfließt. The Beginner’s Guide wird auch ohne mein Gefallen in die Geschichte der Videospielkultur eingehen, weil es eben Dinge anders macht und experimentiert. Und Experimente sind letztendlich nie verkehrt.

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