Freitag, 23. Oktober 2015

Westliche Anpassung japanischer Spiele



Seit der allseitsbeliebten Sexismusdebatte ist „Übersexualisierung“ ein beflügeltes Wort im Bereich des Gaming geworden. Ich bin mir bis heute nicht mal sicher, ob ich dessen Begriff richtig deuten kann, aber es scheint wohl neben der natürlichen-normalen zwischenmenschlichen Sexualisierung wohl ein grad freizügiger Darstellungsformen zu sein, die für eine noch drastischere Reduzierung auf die sekundären- und primären Geschlechtsorgane sorgt. Und Menschen auf Titten, Arsch und Schwanz zu reduzieren ist ja gesellschaftlich ein absolutes Unding, um nicht zu sagen höchst sexistisch. Ganz so einfach ist die Sachlage dann nun doch nicht, denn Videospielfiguren haben sich ihre Proportionen und Klamotten nicht selbst ausgesucht, sondern sie wurden mit bestimmten Absichten designed, wobei das Geschlecht des Designers hierbei irrelevant scheint, denn grundsätzlich wird hier stets ein perfider Zweck unterstellt. Wie ebenfalls bekannt ist, unterscheiden sich genau diese Designentscheidungen in den Heimatländern des jeweiligen Spiels, was meine Augen Richtung Japan schielen lässt. Die haben diesbezüglich klare - fast schon traditionelle - Vorstellungen von Frauen, Freizügigkeit und sexuellen Handlungen, die weit über das hinausgehen, was schon in Feminist Frequency angeprangert wird. Koei Temco sind diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt, spannte man daraus bei Dead Or Alive sogar ein regelrechtes Konzept, auch wenn die Reihe durchaus durch Gameplay hätte punkten können.

Im Fall von Project Zero: Maiden Of Black Water sah man den Bogen überspannt, denn dort setzte man erneut auf jede Menge sichtbare Haut. Während Gamespilot schon die Übersexualisierung als Negativpunkt aufführte, haben sich die Mitarbeiter von Nintendo Gedanken gemacht und die Sachlage entschärft. Nun ist Nintendo, welche die Project Zero-Reihe seit Jahren unter der Fuchtel haben, eher für familienfreundliche Spiele bekannt, in dem Sinne also eine verständliche Maßnahme. Der Haken ist jedoch, dass die Entschärfung ausschließlich für den Westen gilt. Seitdem wird im Internet energisch über Zensurmaßnahmen gesprochen. In Deutschland kennen wir Zensurmaßnahmen nur von außen, meist hervorgerufen von der USK. Diese gibt zwar keine Zensuren vor, übt jedoch mit etwaigen Indizierungen Druck auf die Hersteller aus, was den Verkauf entsprechend stark einschränken würde. In diesem Fall liegt jedoch die freiwillige Entscheidung des Herstellers zugrunde und die ist bei Weitem nicht die erste ihrer Art. In der Vergangenheit gab es ständig Veränderungen von lokalisierten Versionen, auch bei Reihen, denen man eine derartige Notwendig nicht zusprechen würde. Da werden beispielsweise Hautfarben von Pokémon abgeändert, um Rassismusvorwürfe zu vermeiden oder man verändert Sprites, denen man den Hitlergruß unterstellen könnte. Auch im JRPG Bravely Default gewannen die Kostüme der westlichen Versionen deutlich an Stoff.


Welche Kernaussage wird hierbei jedoch getroffen, wenn wir Videospiele als Kulturgut verstehen? Sind Videospiele eben nun die Kunstwerke, die selbstverständlich kulturelle Einflüsse beinhalten – ob wir diese mögen oder nicht - oder ist es ein Zeichen von Verständnis und Rücksicht, wenn die Gewohnheiten westlicher Kulturen per alternativer Designentscheidung berücksichtigt werden? Aus diesem Gedankengang ergibt sich meiner Meinung nach ein Zwiespalt zwischen moralischen, wirtschaftlichen und kulturellen Absichten. Wenn die Anime-Serie Naruto um Leichen und Blut reduziert wird, damit man sie westlich-konform ins RTL2-Kinderprogramm stecken kann, geht natürlich etwas verloren: Ein Stück Kontext, ein Stück Wirkung, ein Stück Japan. Als die Serie Captain Future 1980 im deutschen Fernsehen startete, wurde die Gewaltdarstellung kontrovers diskutiert. Zeichentrickfilme assoziierte man damals noch strickt mit dem Kinderprogramm. Undenkbar, dass Erwachsene die Zielgruppe darstellen sollen. Diese Denke hat sich bis heute um 180° gedreht und selbstverständlich bekommen auch in Deutschland veröffentlichte Anime auch mal einen roten USK-Sticker. Das Ganze kann jedoch noch absurder werden. In einem DLC des 2D-Sidescrolling-Hack’n Slays Muramasa: The Demon Blade gibt es einen Tanuki-Endboss mit riesigem Hodensack, auf den er sich sogar bei Gelegenheit setzen kann. Ist das jetzt nun albern und präpubertär oder kontrovers und nichts für unsere Kinder in einem malerisch anmutenden Spiel ab 12 Jahren? Tatsächlich ist der sogenannte „Tanooki“ eine Art Waschbär-Hund und eben mit genau diesem pikanten Merkmal Teil der japanischen Mythologie.

So gesehen fühlen sich viele erwachsene Gamer in ihrer Entscheidungsfreiheit auf den Schlips getreten und beschnitten. Ob wir nun sabbernd vor der HD-Glotze sitzen und uns wünschen, dass Project Zeromit einer Hand gespielt werden kann, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube es geht vielen Spielern ums Prinzip und um die Bevormundung, auch wenn ein Hersteller selbstverständlich frei über seine Produkte entscheiden kann. Dass es sich bei den entfernten Badeanzügen um Bonuskostüme handelt, die wohl ohnehin nicht für den ursprünglichen Kontext des Spiels gedacht waren, sehe ich die Sachlage entspannt. Da missfällt mir eine beschnippelte Cutscene, in denen sich eine der Figuren als Model auslebt, schon eher. Ganz ehrlich: Das hätte man auch drin lassen können. Aber grundsätzlich gibt diese Designentscheidung auch ein Stück Skepsis seitens Nintendo preis. Der vierte Teil der Reihe blieb exklusiv in Japan und auch der Nachfolger erscheint regulär nur im eShop. Die Diskussion ist aus meiner Sicht letztendlich wichtig, sollte jedoch nicht wie so oft in Hysterie belächelt und grantig bestritten werden, gerade wenn unterschiedliche Kulturen gemeinsame Interessen haben.

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