Mittwoch, 2. Dezember 2015

"Nur" Spielen ist absolut in Ordnung!


Ach wisst ihr: Alle paar Tage landet ein kultureller Videospiel-Artikel auf einer der gängigen Plattformen, der unterstreichen will, was Videospiele alles nicht sind, nicht berücksichtigen, nicht bieten und aufgrund dessen unbedingt umsetzen sollten. Und die Reaktionen sind immer dieselben, nämlich eine unbestimmte Anzahl von Spielekennern, welche die Anforderung als an den Haaren herbeigezogen empfindet, die Ursache nicht versteht und entgegnet, dass Videospiele doch letztendlich ihre Funktion als Unterhaltungsprodukt prima wahrnehmen, woraufhin erneut das Gemeckere in den sozialen Netzwerken startet - überwiegend auf Twitter - und gekeift wird wie doof und ignorant doch diese Gamer mitsamt ihrer Argumentation wären und wie sehr sie den kulturellen Stillstand dieses Mediums im Treibsand der Bedeutungslosigkeit versickern lassen würden.

Das aktuelle Beispiel liefert die Zeit mit einer Forderung der Einbindung von politisch-linken Themen in Videospielen. Warum sollten Videospiele das tun? Nunja, Musik macht es doch auch! Gehässig würde ich behaupten der Autor wäre da einer ganz heißen Sache auf der Spur, denn abgesehen von Äpfel/Birnen-Vergleichen und Vorzeigespielen aus den 60ern, die ich kaum per Google finde (nach dem Abschicken der Suchbegriffe landet der besagte Zeit-Artikel auf dem ersten Platz) ist die Anforderung glatte Willkür. Spätestens an dem Punkt, an dem die #GamerGate-Bewegung erneut in die Terroristenecke gedrückt wird, bevor der Autor ihr einen Absatz weiter unten anerkennt, dass es ja doch um Spielejournalismus geht, lege ich meinen Kopf endgültig in Falten.

Es ist jedoch auch völlig egal was in diesem Artikel steht, was gefordert wird und was plötzlich so wichtig ist. Interessant ist wieder einmal die Ignoranz am Alleinstellungsmerkmal von Games, die sich jedem, der sich ein paar Minuten mit der Historie selbiger befasst, auf dem Silbertablett präsentiert bekommt. Spiele sind nicht Musik und Spiele sind auch nicht Filme, sondern Spiele sind Spiele, gerne auch mit der Betonung auf „nur“, wenn man spielerischen Zwecken die Wichtigkeit absprechen möchte. Und die ersten Spielkonzepte, die den Grundstein für eine ganze Branche gewebt haben und mittlerweile (angeblich) in der Gesellschaft angekommen sind, sind spielerischer Herkunft. So wunderbar das Aufbohren althergebrachter Spielkonzepte und Experimente rund um visuelle Darstellung, emotionale Schnittstellen, Storytelling oder Kunst auch sein mag, es ist hochnäsig und auch faul Entwicklern bezüglich ihrer Konzepte – seien sie selbstgestalterisch oder auch wirtschaftlich – über den Mund zu fahren, ala „Ich will das! Mach das!“. Noch hochnäsiger ist es dem Kommentarbereich, der sich auf das reine Spielen beruft und politische Komponenten desinteressiert ablehnt, die eigenen Vorlieben vorzuwerfen.

Dabei findet gerade ein Umschwung im pragmatischen Deutschland statt und sinnbefreites Spielen verbreitet sich in der Bevölkerung. Wo früher noch Lernen, gesellschaftliches Beisammensein oder körperliche Bewegung als einzige Legitimation zählte, wird gedaddelt bis der Highscore knackt. Die Abwesenheit eines Nutzens kann ich hierbei nicht deutlicher Betonen, denn das Angebot an reiner Unterhaltung, wie Konzerte, Parties, Film, Serie oder eben Spiel ist in unserer heutigen Gesellschaft der letzte Rückzugsort, frei von Pflichten, Wettbewerb und sämtlichen Konflikten. Selbst in den sozialen Netzwerken häufen sich mittlerweile politische Berichte und dazugehörige Diskussionen. Unbeteiligt das Essen oder das letzte Beziehungsupgrade posten ist leider nicht mehr drin. Wo sonst sollte man sich diesen Debatten noch entziehen und abschalten wenn nicht im Spiel, gerade bei den heutigen technischen Möglichkeiten? Als ich in einer freien Minute die Idee zu diesem Text bekomme, betritt ein Arbeitskollege mein Büro, der mir lächelnd von seiner geplant-gegönnten Runde Witcher 3 erzählt, natürlich um abzuschalten nach einem harten Arbeitstag. Solche Gespräche führe ich öfter, über sämtliche Altersgruppen verteilt. Die Wichtigkeit z.B. der Behandlung von Rassenunterschieden innerhalb eines Settings wird komischerweise nie thematisiert.

Dabei spreche ich dem Medium nicht einmal die politische Beteiligung ab. Paper’s Please und This War Of Mine sind beliebte auch im Kommentarbereich genannte Beispiele für die perfekte Einbindung bewusstseinserweiternder Konzepte. Aber der Daumen der „immer noch nicht genug“-Fraktion, die schon keinen blassen Schimmer mehr hat, über was sie denn noch schreiben könnte, drückt wohl noch nicht genug auf den sprichwörtlichen Button. Dabei beruht das gesellschaftliche Ankommen von Videospielen eben gerade auf dem kommentarlosen Nutzen ohne das ständige Hinterfragen, warum was denn wieso gefällt. Meinungsfreiheit beinhaltet auch den Respekt von anderen Meinungen außerhalb der eigenen und während euch niemand das Recht abspricht in Zeitungen, Blogs und Magazinen über euer Schuhdrücken zu klagen, nehmt bitte einfach hin, dass die Ignoranz bezüglich eurer Kritik aufgrund der eigenen Begeisterung der eigentliche, gesellschaftliche Fortschritt von Videospielen ist.

Um zuletzt eine weitere Lanze für den Kommentarbereich zu brechen: Politische Themen müssen nicht zwangsweise für den Spieler ersichtlich, notwendig oder gar wichtig sein. Als Kind spielte ich selbst Oddworld: Abe's Odyssey ohne eine Verbindung zum gesellschaftlichen Fleischkonsum und der Ausbeutung der Natur zu sehen. Das gilt auch für Missle Command mit der Referenz zum kalten Krieg oder Watch_Dogs mit seiner Darstellung eines Überwachungsstaats. Das ist eben auch ein Vorteil der interaktiven Komponente zwischen eigener Handlung und Berieselung, jeder wie er es eben mag. Vielleicht sollte jemand mal darüber einen Artikel schreiben, wann "Leben und Leben lassen" aus der Mode gekommen ist und sich Meinungsverschiedenheiten in Hoheit und Pöbel aufteilten. Denn wer wirklich etwas verändern möchte, indem - ohne die eigene Beteiligung - lediglich Forderungen gestellt werden, der sollte sich ein Stück der eigenen Arroganz einfach mal klemmen.

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